Hintergründe

Das „wildwuchs“ ist ein „Kulturfestival für Solche und Andere“[1] und findet alle zwei Jahre auf dem Kasernenareal in Basel statt:

„wildwuchs fördert eine Kultur, die unterschiedlichsten Menschen, vor allem aber Menschen mit einer Behinderung, die kreative Teilhabe am Leben in den Strukturen des Gemeinwesens ermöglicht. wildwuchs stellt künstlerisches Schaffen ins Zentrum, verzichtet auf jegliche Etikettierung bestimmter Gruppen und geht von der Heterogenität menschlicher Gemeinschaften als Normalzustand aus. wildwuchs ist ein Vermittler von Begegnungen zwischen Künstlerinnen und Künstlern mit und ohne Behinderung und ein Produzent von kleineren und grösseren Projekten, welche gleiche Chancen für künstlerisches Schaffen für Alle gewährleisten und kulturelle Zugehörigkeit trotz Verschiedenheit ermöglicht.“

[1] Claim des „wildwuchs“-Festivals, siehe auch http://www.wildwuchs.ch/home.php

 

 

Zielsetzung

Als Ziel des Experiments am „Tanzball“ wollten wir herausfinden, ob sich die Leute in der Projektion wiedererkennen und – falls ja – ob sie daraufhin ihr Verhalten auf der Tanzfläche ändern bzw. anpassen. Würden die Tanzenden aktiv auf die Visualisierung eingehen, diese zu manipulieren suchen und somit eine Dynamik auslösen, die auf die ganze Gruppe übergreifen könnte?

Vorgaben der Festivalleitung

Zu Beginn galt es, die gemeinsamen Erwartungen an das Projekt aufeinander abzustimmen. Es galt, Auf- und Abbau sowie die Abläufe während des Experimentes zu koordinieren. Folgende Aspekte wurden im Vorfeld thematisiert und als wichtig eingestuft:

-          Der Aufbau darf das enge Programm des Festivals nicht stören.
-          Verantwortlichkeiten für das Material und dessen Organisation müssen klar sein.
-          Klarer Zeitplan, wer wann was aufbaut, muss vorliegen.
-          Zwischen den zwei Tanzveranstaltungen darf die Installation nicht vom restlichen Programm ablenken.
-          Die Visualisierung muss in den Rahmen der Veranstaltung passen, darf also nicht zu „verrückt“ sein.
-          Die Visualisierung muss behindertenkonform sein, da viele Leute mit Behinderung anwesend sein werden.

Wichtig war insbesondere, dass die Visualisierung der Bewegungen zwar für alle sichtbar sein sollte, trotz ihres Platz- und Aufmerksamkeitsanspruches jedoch nicht mit den restlichen Elementen des Festivals in Konkurrenz treten durfte. Wir entschieden uns für eine sehr organische Darstellung der Personen, die ein stimmungsvolles, nicht zu aufdringliches Ambiente vermittelte.

Da es um die erste Durchführung des „flowmotion-project“ handelte, musste im Vorfeld alles minutiös geplant und getestet werden.

Installation

Die Installation sollte so aufgebaut sein, dass die Leute auf der Tanzfläche erfasst und ihre Bewegungen ohne Zeitverlust auf die Wand projiziert würden. Die Projektion sollte jedoch nicht nur innerhalb des Reitstalls für die Tanzenden, sondern auch im Aussenbereich (beispielsweise auf der Kasernenwiese) für die übrigen Festivalbesucher sichtbar sein, um zusätzliche Leute an die Tanzveranstaltung zu locken.

  skizze_wildwuchs

 

 

Planung, Testing und Umsetzung:

Inspektion und Ausmessung der Örtlichkeiten:
Bei der Begehung des Raumes stellten wir fest, dass dieser sehr gross und hoch war und wir eine grosse Menge an Kabeln benötigen würden.

Erstellen einer Materialliste und Beschaffung des nötigen Equipments.
Wir entschieden uns für eine Installation mit 2 Kinect und Max/MSP. Dieses Equipment testeten wir im Vorfeld in der Sporthalle Birsfelden, in welcher wir die nahezu gleichen Bedingungen wie im Reitstall der Kaserne vorfanden. Insbesondere die Höhe der Halle war entscheidend.

Das Material umfasste nur handelsübliche Komponenten und war daher normal zu beschaffen:

- 2 Beamer (Kaserne intern)
- 1 Spezialbeamer (10000 Lumen, für aussen)
- 1 Projektionfläche 12m x 6m (Kaserne intern)
- 2 Kinect
- 2 Mac Mini
- 2 Windows-Laptops für Video (privat)
- 2x 20m USB-Kabel
- 2x20m Stromkabel
- 3x20m VGA Kabel

Aufbau, Test und Anpassung des Materials sowie der Programme:
Den Aufbau haben wir an einem Abend realisiert. Dabei wurden wir von den Mitarbeitern der Kaserne tatkräftig unterstützt, was eine planmässige Fertigstellung der Installation erleichterte.

Erster Auftritt und Live-Test während der „Disco“:
Der Auftritt in der „Disco“ wurde als Testlauf für den „Tanzball“ genutzt, weil nicht so viele Leute an einem Mittwochabend erwartet wurden.

Korrektur der Installation:
Nach diversen Korrekturen war die Installation für den „Tanzball“ bereit.

Zweiter Auftritt am „Tanzball“

Abbau

Reflexion

Da es viele Interessen zu berücksichtigen galt, gestaltete sich die Planung, Umsetzung und Durchführung des Auftrittes letztlich als äusserst komplex und zeitintensiv.
Die Abstimmung mit der Festivalleitung sowie die Besprechungen mit den Szenografen und Technikverantwortlichen der Kaserne waren einerseits sehr aufschlussreich und ermöglichten uns spannende Einblicke in die Abläufe einer Festivalorganisation, bildeten andererseits eine grosse Herausforderung und kosteten viel Nerven, da alle unter Zeitdruck litten.
Eine weitere Knacknuss stellten die Installationen dar: Trotz guter Vorbereitung machte uns deren Realisation einige Mühe, da der Boden der Reithalle der Kinect Probleme bereitete. Die Unannehmlichkeit löste sich schliesslich von selbst, als der Bodenbelag für den „Tanzball“ ausgewechselt wurde.
Wie bereits erwähnt, waren ursprünglich ergänzende Projektionen im Freien geplant. Da die Umgebungsbeleuchtung während der „Disco“ jedoch zu stark war, wurde die Sichtbarkeit der Projektion stark beeinträchtigt. Während dem „Tanzball“ war eine andere Aussenfläche vorgesehen, welche jedoch aufgrund eines Wolkenbruchs nicht bespielt werden konnte. Somit fiel die Visualisierung im Freien ins Wasser.

Im Reitstall verlief der Anlass auf der technischen Ebene reibungslos – wir konnten sehr gute Aufnahmen und Beobachtungen zum Schwarmverhalten machen. Das Resultat war in wissenschaftlicher Hinsicht ein wenig ernüchternd: Zwar haben die Besucher die Visualisierung der Tanzbewegungen wahrgenommen und als visuellen Impuls sehr geschätzt, sich jedoch nur vereinzelt und kurz darauf eingelassen. Zwar haben sich die meisten in der Projektion als farbigen Punkt erkannt und ein wenig damit experimentiert, eine wachsende Dynamik in der Gruppe fand jedoch nicht statt. Dies kann mehrere Gründe haben, beispielsweise die Fixiertheit auf den vorführenden Zeremonienmeister, den Tanzpartner oder auf die Tanzchoreografie.

Obschon die Visualisierung bei den Besuchern also sehr gut ankam und die Umsetzung des „flowmotion-project“ den Anlass ausgewogen ergänzte, mussten wir akzeptieren, dass das Publikum nicht optimal auf das Experiment angesprochen hat.

 

An dieser Stelle einen besonderen Dank an Nicole Wüst und Tatjana Leuenberger für die Realisierung der Filmdokumentation vom „flowmotion-project“ am „wildwuchs“-Festival 2011.

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